Jan 28, 2026
Zu Besuch bei den Kakaoproduzenten in Peru
Nicolo Rieben, Leiter der Abteilung Kakaobohnen bei PRONATEC, und Mary Wiesendanger aus der Auftragsbearbeitung waren im November zu Besuch bei unseren Partner-Kooperativen und erfuhren, welchen Unterschied die Gemeinschaft für die Produzentinnen und Produzenten macht.

PRONATEC unterwegs entlang des peruanischen Kakaogürtels …

… bei unseren langjährigen Partner-Kooperativen
Nicolo, ihr wart bei verschiedenen unserer langjährigen Partner-Kooperativen in Peru unterwegs. Was für Eindrücke habt ihr aus den Gesprächen vor Ort gewonnen?
Wir haben auf unserer Reiseroute immer wieder erlebt, welche tragende Rolle Kooperativen im Alltag der Kleinbauern einnehmen. Sie sind weit mehr als reine Handels- oder Absatzorganisationen: Kooperativen schaffen verlässliche Strukturen, bieten fachliche Begleitung, organisieren Prozesse und geben sozialen Rückhalt. Viele Kleinbauern machten klar, dass sie die wachsenden regulatorischen Anforderungen – wie etwa durch die neue EU Bio Verordnung oder die EU-Verordnung über entwaldungsfreie Lieferketten (EUDR) – ohne die Unterstützung der Kooperative kaum bewältigen könnten.
Gleichzeitig wurde sichtbar, wie sehr die Kakaokrise im Jahr 2024 und die daraus resultierenden Preisschwankungen die Branche weiterhin fordern. Hohe Weltmarktpreise schaffen kurzfristige Anreize für Verkäufe ausserhalb der Kooperative. Das bringt dem Einzelnen einen schnellen Gewinn, untergräbt jedoch die Stabilität der Gemeinschaft. Mehrere Kooperativenvertreter betonten, dass die Organisation das volle Risiko trägt, wenn Ernten nicht eingebracht werden – mit potenziell existenziellen Folgen.
Bleiben wir für den Moment beim positiven Einfluss der Kooperativen auf die Kleinbäuerinnen und Kleinbauern. Wie äussert sich dieser konkret?
Der positive Einfluss der Kooperativen zieht sich durch sämtliche Arbeitsbereiche, sorgt aber vor allem auf administrativer Ebene für Orientierung. Sie bieten ihren Mitgliedern praktische Hilfe und Orientierung in einem zunehmend komplexen Umfeld. Ein Vertreter von ACOPAGRO brachte es treffend auf den Punkt: «Wenn wir die Kleinbauern nicht begleiten, verlieren wir sie an die Komplexität.»
Darüber hinaus wurde bei allen Besuchen die Bedeutung der Fairtrade Prämien und deren gemeinschaftliche Verwendung deutlich. Die Kooperativen verfügen über klar strukturierte Prämieninvestitionskataloge, die transparent aufzeigen, wie Mittel in soziale Projekte, Infrastruktur, Ausbildung oder Gemeinschaftsangebote fliessen. Gerade bei einer kleineren Kooperative wie El Quinacho ist der damit verbundene Community-Gedanke besonders spürbar. Am jährlichen Kooperativenfest in Sivia nimmt praktisch das ganze Dorf teil. Hier durften wir hautnah miterleben, wie stark Gemeinschaft, gegenseitige Unterstützung und Identifikation das Leben der Dorfbewohner prägen.
Ein eindrückliches Beispiel ist Moises, heute 75 Jahre alt und seit über fünf Jahrzehnten Mitglied von El Quinacho. Sein Fazit war eindeutig: «Die Kooperative hat unsere Familien gestärkt, den Jugendlichen Chancen gegeben und den Glauben an unsere Gemeinschaft aufrechterhalten.» Solche Aussagen zeigen, dass das Fairtrade Modell weit über wirtschaftliche Aspekte hinauswirkt und langfristige soziale Stabilität schafft.

Der Gemeinschaftssinn ist beim Kooperativenfest von El Quinacho spürbar.

Das Fairtrade Modell verbessert die Lebenssituation der Kleinbauernfamilien.
Du hast vorhin die Kakaokrise 2024 und die hohen Preise erwähnt. Welche operativen Herausforderungen sind euch in diesem Zusammenhang aufgefallen?
Die Finanzierung der Ernte ist und bleibt für alle Beteiligten ein zentrales Thema. Die Kooperativen müssen im momentanen Marktumfeld mitunter hohe Beträge vorfinanzieren, um die Ernte ihrer Mitglieder sofort abnehmen und bezahlen zu können. Gerade in Phasen sehr hoher und volatiler Weltmarktpreise ist das eine enorme Belastung.
Hier spielt PRONATEC als langjährige und verlässliche Wegbegleiterin eine wichtige Rolle. Bei der diesjährigen Haupternte konnten wir unsere wichtigsten Partner durch gezielte Vorfinanzierung dabei unterstützen, Liquiditätsengpässe zu vermeiden. Zudem schaffen unsere Abnahmegarantien finanzielle Planungssicherheit. Mehrere Kleinbauern betonten, wie wichtig es für sie ist, zu wissen, dass die Kooperative ihre Ernte sicher platzieren kann und nicht unter kurzfristigen Finanzierungsdruck gerät.
Und was ist mit der Volatilität? Wie wirken sich schwankende Weltmarktpreise auf die Kooperativen aus?
Die starke Volatilität des Weltmarktpreises stellt für die Kooperativen einen erheblichen Risikofaktor dar. Wenn Kakao zu hohen Preisen eingekauft wird und später zu deutlich tieferen Marktpreisen weiterverkauft werden muss, entsteht ein hohes Verlustpotenzial. Auf kooperativer Ebene ist dies kaum abzufedern, und es stellt den fairen Handel vor grundlegende Fragen …
Auch wir bei PRONATEC sind als Abnehmer diesen Marktmechanismen ausgesetzt. Um unsere Risiken zu begrenzen, arbeiten wir deshalb mittlerweile mit einem Absicherungs- und Hedging-Modell. Gleichzeitig sehen wir es kritisch, dass kostenbasierte Preisansätze im aktuellen Marktumfeld zunehmend an Bedeutung verlieren – gerade in Phasen fallender Preise verlagert sich das Risiko stark auf die Kooperativen. Es war spürbar, dass hier eine gewisse Sorge vorhanden ist.
Umso wichtiger ist ein Punkt, den wir vor Ort immer wieder betonen konnten: Die Nachfrage nach Bio Kakao ist weiterhin sehr hoch. Auch bei sinkenden Weltmarktpreisen besteht für Bio und Fair Trade Kakao ein Preisplus gegenüber konventioneller Ware. Das gibt den Kooperativen eine gewisse Planungssicherheit und schafft einen wichtigen Anreiz, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen.

Der Kakao wird in Kisten fermentiert …

… und an der Sonne getrocknet.

Die Nachfrage nach Bio und Fair Trade Kakao bleibt hoch.
Abgesehen von Preisvolatilität und Marktmechanismen: Gibt es weitere Herausforderungen, mit denen die Kooperativen zu kämpfen haben?
Ein allgegenwärtiges Thema sind nach wie vor die gesetzlichen Regulierungen, allen voran die neue EU Bio Verordnung und die EUDR. Die Umsetzung ist für alle Kooperativen ein grosser Kraftakt. Wir waren daher ausgesprochen erfreut, zu sehen, dass sich die meisten unserer Partner-Kooperativen auf einem sehr guten Weg befinden: Die neuen Bio Zertifizierungen wurden erfolgreich abgeschlossen, und sämtliche Georeferenzierungen sowie Polygone für die EUDR sind vollständig erhoben. PRONATEC war dabei eng eingebunden und hat die Kooperativen aktiv unterstützt – nicht als Abnehmerin, sondern durch technischen Support und das Fachwissen unserer Experten, die den Prozess personell begleitet haben.
In der Region San Martín sind wir zudem einer zusätzlichen lokalen Herausforderung begegnet, nämlich der zunehmenden Gefahr einer Kreuzkontamination von Bio Parzellen durch benachbarte konventionelle Reisanbauflächen, etwa durch den Einsatz neuer Sprühtechnologien mittels Drohnen. Beeindruckend für mich war der aktive Umgang mit diesem Risiko seitens ACOPAGRO. Die Kooperative hat unter anderem hohe Baumstrukturen als natürliche Pufferzonen angelegt und besonders gefährdete Randbereiche aus der Lieferkette genommen. Dieses gezielte Vorgehen ist in meinen Augen ein wichtiges Signal für die Stabilität der Bio Kakaoproduktion in der Region.
Wenn wir den Blick von den strukturellen Themen hin zur Arbeit in den Parzellen lenken: Was ist dir dort aufgefallen?
Besonders bemerkenswert fand ich die Qualität der Agroforstsysteme. In den Parzellen, die wir besucht haben, konnte man direkt sehen, wie viel in den letzten Jahren bereits umgesetzt wurde. Die Flächen waren sorgfältig gepflegt, mit klar strukturierten Schattenbäumen, einer hohen Vielfalt an Begleitkulturen und jungen Kakaopflanzen. Durch diese Form der Agroforstwirtschaft wird der gesamte Anbau widerstandsfähiger – gegenüber klimatischen Schwankungen ebenso wie gegenüber Krankheiten.
Ergänzend dazu gewinnt in San Martín das Thema Bewässerung zunehmend an Bedeutung. Längere und häufigere Trockenperioden stellen die Kleinbäuerinnen und Kleinbauern vor neue Herausforderungen, sodass funktionierende Bewässerungssysteme entscheidend werden, um Erträge zu sichern und zu verbessern. ACOPAGRO unterstützt ihre Mitglieder hier gezielt bei der Umsetzung geeigneter Lösungen mit technischem Know-how. Das Produzentenpaar Enemesio und Andrea konnte bereits erste Erfolge verbuchen: Seit der Installation eines Bewässerungssystems wächst ihr Kakao gleichmässiger, und sie sind weniger abhängig vom Wetter. Aufgrund der Unterstützung von ACOPAGRO waren sie in der Lage, ihre Erträge zu stabilisieren und ihre Parzelle weiter auszubauen. Solche Begegnungen zeigen, was sich durch eine starke Organisationseinheit bewirken lässt.
Ebenfalls eindrücklich war der Besuch beim Helvetas-Projekt «Paisaje Sostenible de Cacao en la Región San Martín» (siehe Infokasten). Die dort entwickelten Konzepte verbinden Biodiversität, Klimaresilienz und wirtschaftliche Nutzung. Das vom SECO über die Schweizer Plattform für Nachhaltigen Kakao (SWISSCO) finanzierte Projekt arbeitet eng mit Kooperativen wie ACOPAGRO zusammen und stärkt sowohl die regionale Zusammenarbeit als auch die Umsetzung regulatorischer Vorgaben. Im Mittelpunkt stehen dabei: höhere Produktivität, Schutz der Wälder, klare Rückverfolgbarkeit und stabile Einkommen für Kleinbauernfamilien.
Zum Abschluss die Frage: Was ist deine wichtigste Erkenntnis aus dieser Reise?
Ich bin nach diesem Besuch persönlich davon überzeugt, dass Kleinbauern-Kooperativen der Schlüssel für die Zukunft des Bio Kakaos in Peru sind. Ohne sie könnten die Produzentinnen und Produzenten weder die zunehmenden regulatorischen Anforderungen noch die Dynamik der Märkte bewältigen.
Gleichzeitig hat sich erneut gezeigt, wie wertvoll direkte Partnerschaften in unsicheren Zeiten sind. Unsere langjährige Zusammenarbeit mit Organisationen wie ACOPAGRO und El Quinacho schafft Vertrauen und Stabilität – für die Kleinbauernfamilien ebenso wie für uns. Sie ermöglicht es, früh zu reagieren, gezielt zu unterstützen und gemeinsam tragfähige Lösungen zu entwickeln.

Die Kleinbauern-Kooperative ACOPAGRO in Peru

Die Kleinbauern-Kooperative El Quinacho in Peru
Helvetas-Projekt «Paisaje Sostenible de Cacao en la Región San Martín»
(Nachhaltige Kakaolandschaft in der Region San Martín)
In der Region San Martín, dem wichtigsten Kakaoanbaugebiet Perus, setzt Helvetas Peru seit 2024 das auf drei Jahre angelegte Projekt «Paisaje Sostenible de Cacao en la Región San Martín» um. Finanzielle Unterstützung kommt vom SECO über die Schweizer Plattform für Nachhaltigen Kakao SWISSCO. Ziel ist die Förderung nachhaltiger Kakaolandschaften sowie die fachliche Begleitung der Kleinbäuerinnen und Kleinbauern bei der Umstellung auf resiliente Agroforstsysteme.
Das Projekt unterstützt Produzentinnen und Produzenten bei der Anwendung klimaangepasster Anbaumethoden und der Umsetzung internationaler Vorgaben wie der EU-Verordnung zu entwaldungsfreien Lieferketten (EUDR). Zu den zentralen Schwerpunkten zählen die Steigerung der Produktivität, die Schaffung existenzsichernder Einkommen sowie eine verbesserte Rückverfolgbarkeit und Transparenz entlang der Lieferkette.
Ein besonderer Fokus liegt auf der engen Zusammenarbeit zwischen lokalen Kooperativen und regionalen Behörden. Über Austauschformate und gemeinsame Plattformen werden Akteure aus Landwirtschaft, Verwaltung und Privatsektor vernetzt, um nachhaltige Lösungen wirkungsvoll voranzubringen.
Unsere Partner in Peru
PRONATEC setzt seit jeher auf langfristige Partnerschaften in den Ursprungsländern – die Zusammenarbeit mit den beiden peruanischen Kleinbauern-Kooperativen ACOPAGRO und El Quinacho sind das beste Beispiel dafür. Mit der «Cooperativa Agraria Cacaotera ACOPAGRO Ltda» sind wir seit ihrer Gründung im Jahr 1997 eng verbunden, während die «Cooperativa Agraria Cafetalera El Quinacho» seit 2000 zu unseren Partner-Kooperativen gehört.


