Okt 9, 2025

Michael Schlumpf, Leiter der Finanzen und seit Juli 2025 Mitglied der Geschäftsleitung, erzählt im Interview mit Sandra Straub, Verantwortliche Kommunikation, mit Hilfe welcher Massnahmen wir das Preisrisiko in den Griff bekommen haben – und warum sich das auch für die Kleinbauern-Kooperativen und unsere Kunden auszahlt.
Michael, wenn du zurückblickst – wie hast du mit deinem Team die Preisveränderungen im Kakaomarkt 2024 erlebt?
Die Kakaokrise war auch für uns in der Finanzabteilung eine Extremsituation, mit der – in solch einem Ausmass – niemand gerechnet hatte, weil das Preisniveau über lange Zeit sehr stabil war. Historisch gesehen lag der Börsenpreis für Kakao in den Jahren vor der Krise um die 2’500 USD pro Tonne. PRONATEC hat stets deutlich höhere Preise von rund 3’000 USD pro Tonne gezahlt, da neben dem Weltmarktpreis auch die Prämien für Bio Qualität und Fairtrade berücksichtigt wurden. Starke Abweichungen gab es kaum, Schwankungen von 20 bis 30 USD pro Tag galten bereits als aussergewöhnlich.
Gegen Ende 2023 begann der stetige Anstieg auf ca. 4’500 USD pro Tonne. Im Folgejahr kam dann der Sprung: Innerhalb weniger Monate verdoppelte und verdreifachte sich der Preis, im Peak erreichte er sogar 13’000 USD pro Tonne. Das war für die Kakaobranche und insbesondere den Bio Sektor eine noch nie dagewesene Situation, in der wir uns erst zurechtfinden mussten.

Das klingt nach einer grossen Umstellung. Was bedeutete diese Entwicklung für PRONATEC konkret?
Wir hatten über viele Jahre hinweg ein verlässliches Preissystem: Wie bereits erwähnt, haben wir den Kleinbauern durch die Bio und Fairtrade Prämie immer einen Preis bezahlt, der deutlich über dem Weltmarktniveau lag. In der Wertschöpfungskette sorgte dies für faire Einkommen und langfristige Stabilität. Die durch die Kakaokrise verursachten hohen Preise und die extreme Volatilität haben unsere gesamte Finanzierung auf den Kopf gestellt. Plötzlich ist der Finanzierungsbedarf enorm, weil wir den Grossteil unserer Kakaobohnen nur während einer relativ kurzen Periode einkaufen können, sprich während der Haupternte-Zeiten. Der Verkauf von Kakaobohnen und Kakao-Halbfabrikaten findet jedoch erst später statt und verteilt sich konstant über das ganze Jahr. Wir haben also kurzfristig hohe Ausgaben, ohne dass sofort Erlöse fliessen.

Ein Beispiel zur Veranschaulichung: Wenn wir früher eine Containerladung von 25 Tonnen Kakao zu 3’000 USD pro Tonne gekauft haben, lagen wir bei insgesamt 75’000 USD. Mit einem heutigen (realistischen) Beispielpreis von 8’000 USD pro Tonne wären wir bei 200’000 USD – und zwar für dieselbe Menge. Bei 500 Containern sprechen wir von 100 Millionen USD. Diese immensen Summen müssen irgendwie vorfinanziert werden, damit wir unseren Kunden eine verlässliche Versorgung mit Kakaobohnen gewährleisten können.
Wie sind wir mit diesem erhöhten Finanzierungsbedarf umgegangen? Gab es so etwas wie einen Notfallplan?
Nein, einen Notfallplan hatten wir nicht, aber die Zeit drängte, denn die Haupternte in der Dominikanischen Republik stand kurz vor ihrem Start. Zu Beginn der Krise lag der Fokus darauf, möglichst rasch zusätzliche finanzielle Mittel aufzubringen. Hier hatten wir tatsächlich auch Glück, auf das Vertrauen sowie die Unterstützung verschiedener langjähriger Partner und Kunden zählen zu dürfen, die uns kurzfristig geholfen haben. Gleichzeitig waren wir aktiv auf der Suche nach neuen Finanzierungspartnern, weil wir wussten, dass wir bei diesem Preisniveau nicht mehr alles selbst würden finanzieren können.
In der Zwischenzeit haben wir Geldgeber gefunden, denen die Themen Bio, Fair Trade und Kleinbauern-Kooperativen ein Anliegen sind. Durch diese stehen uns ausreichende Finanzmittel während der Erntezeit zur Verfügung, um den Kauf der Kakaobohnen in den Ursprungsländern, z. B. durch unsere Tochterfirma YACAO, vorzufinanzieren. Sobald die Kakaobohnen zum Transport auf ein Schiff verladen werden, wechselt der Finanzierungspartner, ab diesem Punkt beginnt die Refinanzierung. Während der Schiffsreise erfolgt dann bei uns in den verschiedenen Abteilungen die Planung, wie viele Kakaobohnen zu welchem Zeitpunkt zurückzukaufen sind, damit sie rechtzeitig zum jeweiligen Verarbeitungsbeginn für unsere Produktion zur Verfügung stehen. Eine gute Organisation und präzise Absprachen sind dabei unerlässlich.



Unser Finanzierungskapital erhalten wir also von unterschiedlichen Investoren, und die Kakaobohnen dienen als Sicherheit. Aber wie sieht es mit der Volatilität der Preise aus? Sind wir diesem Risiko einfach ausgeliefert?
Nein, auch hier haben wir zeitnah Massnahmen ergriffen, um sicher zu gehen, dass grössere Marktbewegungen PRONATEC künftig nicht in eine Schieflage bringen können. Es stimmt natürlich, dass die starken Preisschwankungen ein höheres Risiko mit sich bringen – und das ist noch recht milde ausgedrückt. Um unser Risiko zu minimieren, sichern wir den Preis mit Kakao-Futures an der Börse ab.
Preisabsicherung, Hedging, Futures … für viele sind das abstrakte Begriffe. Kannst du erklären, wie das in eurem Arbeitsalltag funktioniert und was heute anders ist als in Vorkrisenzeiten?
Früher schlossen wir Jahreskontrakte zu Fixpreisen ab, und der Kunde konnte die Kakaoprodukte dann kaufen, wenn er sie benötigte. Die Preisbewegungen waren klein, deshalb mussten wir uns keine Gedanken darüber machen, grosse Verluste zu riskieren. Das geht jetzt nicht mehr. Neu sichern wir unsere Preise an der Börse über einen Broker ab – diese Vorgehensweise nennt sich Hedging. Es handelt sich dabei um eine gängige Absicherungsstrategie gegen das Preisschwankungsrisiko von Rohstoffen.
Am besten lässt sich das an einem Beispiel erläutern. Wenn wir heute Kakaoprodukte auf einer Kalkulationsbasis von 8’000 USD pro Tonne Kakaobohnen an einen Kunden verkaufen, die Ernte und Lieferung aber erst in ein paar Monaten stattfinden, dann kaufen wir zeitgleich einen sogenannten Kakao-Future an der Börse zum selben Preis. Dadurch sichern wir den aktuellen Weltmarktpreis von 8’000 USD pro Tonne ab, denn der Future ist ein vertraglich festgelegtes Termingeschäft, das – vereinfacht gesagt – folgendermassen funktioniert: Käufer und Verkäufer vereinbaren den Kauf einer bestimmten Warenmenge zum heutigen Preis, die Lieferung findet jedoch erst zu einem vordefinierten Zeitpunkt in der Zukunft statt. Wenn der Weltmarktpreis für Kakao bis zum Erntetermin nun auf 10’000 USD steigt, steigt gleichermassen der Wert des Futures, da sich Terminpreise parallel zu den Weltmarktpreisen entwickeln. Damit gewinnen wir durch den Future genau das, was wir den Produzentinnen und Produzenten mehr zahlen. Fällt der Weltmarktpreis hingegen auf 6’000 USD, ist es umgekehrt. Der Future verliert entsprechend an Wert. Sobald der Future aufgelöst wird, gleichen sich Gewinne und Verluste aus, und wir können unseren Kunden den vertraglich vereinbarten Preis garantieren.

Das klingt nach viel Verantwortung und zusätzlicher Arbeit für ein KMU. Hat sich dieser Schritt aus deiner Sicht gelohnt?
Absolut! Richtig und seriös betrieben, funktioniert Hedging wie eine Versicherung. Ohne diese könnten wir weder im Voraus planen noch unseren Kunden längerfristige Verträge anbieten. Diese hätten wiederum keine Preissicherheit für ihre eigenen Verträge und Verbindlichkeiten. Durch die Absicherung an der Börse sind wir mittlerweile in der Lage, wieder eine längerfristige Preisstabilität zu gewährleisten. Davon profitieren alle unsere Geschäftspartner, nämlich sowohl unsere Kunden als auch die Kleinbäuerinnen und Kleinbauern, die den tagesaktuellen Weltmarktpreis von uns erhalten.
Im Arbeitsalltag ist der erhöhte Aufwand sicher spürbar, weil Hedging kontinuierliche Aufmerksamkeit erfordert, es ist ein Fulltime-Job. Das Team musste sich in kurzer Zeit in die Themen Rohstofffinanzierung und -absicherung einarbeiten. Die Komplexität ist nicht zu unterschätzen. Wir können an dieser Stelle nicht ins Detail gehen, etliche Faktoren spielen hier eine Rolle. Vor allem braucht es eine enge Abstimmung zwischen Einkauf, Verkauf und Finanzen, weil jeder grössere Kontrakt eine Absicherung benötigt. Zudem müssen wir für den Kakao-Future immer eine Sicherheit hinterlegen, das nennt sich Initial Margin. Bei starken Marktbewegungen kommt es auch vor, dass wir zusätzliche Sicherheitsleistungen (Margin Calls) nachschiessen müssen. Als der Kakaomarkt im Jahr 2024 so extrem in die Höhe geschnellt ist, wurde genau dies einigen Firmen zum Verhängnis, weil sie die Margin Calls nicht mehr finanzieren konnten. Essenziell für das ganze Thema ist neben einem sehr präzisen Liquiditätsmanagement und einem entsprechenden Risikobewusstsein auch ein eingespieltes Team.

«Wenn Hedging richtig gemacht wird, funktioniert es wie eine Versicherung. Wir sind dadurch in der Lage, die Zeitspanne zwischen Vertragsabschluss mit dem Kunden und Vertragserfüllung finanziell abzusichern.»
Michael Schlumpf, Leiter Finanzen PRONATEC
Apropos Team: Gab es hier einschneidende Ereignisse oder grundlegende Veränderungen in eurem Arbeitsalltag?
Unser Finanzteam ist von drei auf fünf Personen gewachsen, die Aufgabenverteilung ist eine ganz andere als früher. Mit der Kakaokrise entstand eine völlig neuartige Situation, auf die wir rasch reagieren mussten. Wir waren gezwungen, uns neu aufzustellen und unbekannte Wege zu gehen. Die Etablierung der neuen Finanzierungsmechanismen und der Absicherungen an der Börse war herausfordernd, aber mittlerweile sind wir beim Thema Finanzierung sehr gut aufgestellt und können mit der Volatilität umgehen. Alle ziehen an einem Strang, die Prozesse sitzen, und unsere Finanzabteilung muss sich definitiv nicht vor denen grösserer Organisationen oder Konzerne verstecken. Darauf dürfen wir stolz sein.
Wenn du einen persönlichen Schlussstrich unter die turbulente Zeit der letzten 1,5 Jahre ziehen würdest – was bleibt für dich?
Erstens war es schön zu sehen, dass wir uns auf unsere Kunden verlassen konnten. Ihre Unterstützung bzw. ihr Vertrauen war in dieser schwierigen Phase entscheidend.
Zweitens haben wir unter Beweis gestellt, wie schnell und entschlossen PRONATEC als Unternehmen handeln kann und dass wir in der Lage sind, innerhalb kürzester Zeit eine neue Geschäftsstrategie umzusetzen.
Drittens verfügen wir inzwischen über geeignete Instrumente, um Geschäfte mit einem längeren Zeithorizont einzugehen. Stand heute haben wir unser Preisrisiko im Griff, um auch in einem hochvolatilen Markt wieder als verlässlicher Partner zu agieren.

Vielen Dank, Michael, für den spannenden Exkurs in die Finanzwelt!


