Seit dem 1. Januar 2025 gilt die neue EU Bio Verordnung auch für Produzenten in Drittländern, die ihre Ware nach Europa exportieren. Was ursprünglich der Vereinheitlichung und Vertrauensbildung in Europa dienen sollte, stellt viele Kleinbauernorganisationen im globalen Süden jedoch vor grosse Herausforderungen – sowohl organisatorisch als auch finanziell. Erfahren Sie, wie PRONATEC ihre Partner im Ursprung aktiv bei der Umsetzung der neuen Regelungen begleitet.

Jun 12, 2025

Einheitliche Regeln, unterschiedliche Realitäten

Mit der neuen, seit 2022 für ihre Mitgliedstaaten gültigen Verordnung (EU) 2018/848 verfolgt die EU das Ziel, das Konsumentenvertrauen in den Bio Sektor zu stärken. Seit dem 1. Januar 2025 müssen auch Bio Importe aus Drittländern vollständig mit den EU-Vorgaben konform sein. Während bisher gleichwertige Standards der im Land zugelassenen Kontrollstellen genügten, bedarf es nun einer 1:1-Umsetzung aller EU-Anforderungen nach dem Konformitätsprinzip – ohne Berücksichtigung regionaler Umstände.

Diese Vereinheitlichung stellt Produzenten in Drittländern vor erhebliche strukturelle und wirtschaftliche Herausforderungen. Erste Rückmeldungen aus unseren Ursprungsländern zeigen ein differenziertes Bild, für viele Kleinbauern lohnt sich ein Zugang zum europäischen Markt immer weniger.

EU organic Regulation
Cooperative Mitsinjo EU organic
New organic regulation poses challenges for producers

Zertifizierungen für Gruppen: Strenge Vorgaben mit starken Nebenwirkungen

Ein besonderer Fokus der neuen Verordnung liegt auf dem Thema Gruppenzertifizierungen. Zuletzt galten alle Kooperativen mitsamt ihren Mitgliedern als zertifiziert, wenn sie einer Organisation angeschlossen waren, die eine Zertifizierung besass. Sämtliche Mitglieder wurden intern kontrolliert, darüber hinaus fanden externe Stichproben durch die Bio Kontrollstellen statt. Neu sind die Auflagen für Gruppenzertifizierungen erstmals rechtlich geregelt:

  • Zertifikate müssen auf den Namen einer Mitgliederorganisation (z. B. Genossenschaft) ausgestellt werden; die Zertifizierung kann nicht mehr im Namen einer übergeordneten Organisation erfolgen.

  • Kleinbauern-Kooperativen müssen über ein internes Kontrollsystem (IKS) verfügen, in dem jeder Landwirtschaftsbetrieb einzeln dokumentiert wird.

  • Die Überprüfungen finden durch externe Auditoren einer offiziellen Bio Kontrollstelle statt; dabei sind alle Dokumentationen im IKS zu kontrollieren und 5 % der Betriebe stichprobenartig zu besuchen.

  • Betriebe, die einen jährlichen Umsatz von 25’000 Euro oder 5 Hektar Anbaufläche überschreiten, können nicht mehr in der Gruppe zertifiziert werden; sie müssen ein Einzelaudit durchlaufen.

  • Erzeugergemeinschaften dürfen maximal 2’000 Mitglieder umfassen.

Certifications for groups: strict requirements with strong side effects

Diese Anforderungen führen in vielen Drittländern zu organisatorischem Mehraufwand, höheren Zertifizierungskosten und einer aufwendigen strukturellen Neuorganisation innerhalb der Kooperativen. Der Grund sind die im Vergleich zu Europa gegensätzlichen Ausgangsbedingungen: In den Drittländern fehlt es häufig an adäquatem technischem Equipment und Infrastrukturen. Hinzu kommen logistische Herausforderungen, etwa die schlechte Erreichbarkeit bestimmter Regionen bzw. weit verstreuter Produzenten.

Was die neue Verordnung für unsere Partner im Ursprung bedeutet

Die konkreten Auswirkungen der neuen Verordnung unterscheiden sich je nach Region, doch die zentralen Herausforderungen sind vergleichbar – steigende Zertifizierungskosten, zusätzlicher administrativer Aufwand und eine generell erhöhte Komplexität:

In Madagaskar beispielsweise war das Bio Zertifikat bislang auf unsere Partnerin PREMIUM SPICES ausgestellt. Dieses erstreckte sich auf fünf angeschlossene Kooperativen. Nun muss jede dieser Kooperativen einzeln zertifiziert werden; das bedeutet neben höherem personellem Aufwand eine Verfünffachung der Zertifizierungskosten. Die schlechte Infrastruktur im Land verzögert die Abläufe zusätzlich.

In Peru hat die Kooperative ACOPAGRO, mit der wir seit der Gründung im Jahr 1997 verbunden sind, die neue Regelung zum Anlass genommen, ihre Gruppenstruktur zu überprüfen. Einige Mitglieder wurden aufgrund ihrer Umsatzhöhe bzw. Grösse ausgeschlossen. Durch die so entstandene Reduzierung der zertifizierten Anbaufläche verringerte sich am Ende die Gesamtproduktion der Kooperative. Zudem beschlossen mehrere Produzenten, ihre Ernte als konventionelle Ware zu verkaufen.

Peru

«Unsere zertifizierte Produktionsmenge ist von 3’100 auf 2’100 Tonnen gesunken. Einige Produzenten bevorzugen es, an lokale Käufer zu verkaufen, die mehr bezahlen und nicht so hohe Qualitätsstandards wie zertifizierte Käufer verlangen.»
Mitarbeiter ACOPAGRO

Acopagro EU organic
Kleinbauernkooperative FUNDOPO .

In der Dominikanischen Republik, wo wir zusammen mit unserer Tochterfirma YACAO eng mit der Kleinbauernorganisation FUNDOPO zusammenarbeiten, sind nur wenige Änderungen nötig. FUNDOPO ist regional bereits in kleineren Untergruppen organisiert und verfügt aufgrund der Fairtrade Zertifizierung über die von der EU geforderte demokratische Mitgliederstruktur. Grössere Betriebe, die neu eine Einzelzertifizierung benötigen, erhalten individuelle Hilfestellungen.

Gezielte Unterstützung im Zertifizierungsprozess

PRONATEC hat sich frühzeitig auf die neuen Rahmenbedingungen vorbereitet und die damit verbundenen Anforderungen systematisch analysiert. Damit der Anpassungsprozess möglichst reibungslos verläuft, unterstützen wir unsere Partnerkooperativen im Ursprung mit gezielten Massnahmen. Dazu gehören Vor-Ort-Besuche unserer Fachspezialisten sowie technische Schulungen zu digitalen Tools, die für die interne Kontrolle eingesetzt werden.

Auch einzelne grössere Produzenten, die künftig nicht mehr über die Gruppenzertifizierung erfasst werden können, haben wir im Blick: In der Dominikanischen Republik etwa identifizieren wir gemeinsam mit FUNDOPO betroffene Mitglieder. Für diese stellen wir Anschubfinanzierungen bereit oder helfen ihnen bei der Vorbereitung der Dokumentationen. Ziel ist es, diesen Produzenten eine unkomplizierte Einzelzertifizierung zu ermöglichen.

support in the certification process in the dominican republic
support in the certification process

Anpassung oder Abkehr? Die Gefahr neuer Marktdynamiken

Zusammen mit weiteren steigenden Anforderungen – allen voran denen der EU-Entwaldungsverordnung (EUDR) – führen die neuen Vorgaben dazu, dass einige Kleinbauernorganisationen ihre Marktstrategie überdenken. In Gesprächen mit Produzenten vor Ort werden immer wieder ähnliche Punkte genannt: Der gestiegene Zertifizierungsaufwand steht in keinem Verhältnis zur derzeitigen Abgeltung für EU-konforme Bio Produkte. Direkte Verkäufe an lokale Abnehmer oder alternative Exportmärkte mit weniger komplexen Anforderungen wie Nordamerika erscheinen dadurch einfacher und wirtschaftlich attraktiver. Eine schnelle, direkte Bezahlung spielt gerade bei kleinen Erzeugern eine wichtige Rolle.

CEO FUNDOPO

Dominikanische Republik

«Viele Produzenten verkaufen lieber konventionell, weil solche Käufer weder nach Qualität noch nach Rückverfolgbarkeit fragen.»
Wilder Nahui, Geschäftsführer FUNDOPO

Ein Rückzug aus der EU Bio Zertifizierung ist für einige Produzenten zu einer ernsthaften Option geworden. Ohne eine entsprechende Anpassung der Bio Prämien wird sich dieser «Trend» fortsetzen, und Europa droht als Absatzmarkt an Bedeutung zu verlieren. Dann wäre kurz- bis mittelfristig mit einem Rückgang Bio zertifizierter Ware aus Drittländern zu rechnen – verbunden mit Preissteigerungen und schwankender Verfügbarkeit. Um unser Risiko einer Verknappung möglichst klein zu halten, setzen wir verstärkt auf eine Diversifizierung unserer Ursprungsgebiete, etwa durch neue Partnerschaften in Ländern wie Sierra Leone.

Warum wir weiter auf Direct Sourcing bauen

Trotz und gerade wegen des wachsenden Regulierungsdrucks halten wir an unserem Direct-Sourcing-Ansatz zu fairen Bedingungen fest. Verlässliche, langfristige Partnerschaften sind in Zeiten wachsender Regulierungsanforderungen besonders wertvoll: Sie ermöglichen PRONATEC einen flexiblen, praxisnahen Wissensaustausch mit den Produzenten im Ursprung. Gerade bei geplanten Gesetzesänderungen ist der direkte, persönliche Kontakt vor Ort unerlässlich, um notwendige Massnahmen frühzeitig an die jeweiligen lokalen Bedingungen und Erfahrungen anzupassen. So gelingt es uns, auch in einem zunehmend komplexen Umfeld weiterhin verantwortungsvoll und nachhaltig zu handeln.