Ein Unternehmen über Jahrzehnte weiterzuentwickeln bedeutet, immer wieder Entscheidungen unter Unsicherheit zu treffen – und Verantwortung neu zu verteilen. Im Gespräch zum 50-Jahr-Jubiläum von PRONATEC blicken CEO David Yersin und sein Neffe Simon Yersin, Leiter der Abteilung Kakao und Mitglied der Geschäftsleitung, auf prägende Weichenstellungen zurück und sprechen darüber, was es heisst, ein Familienunternehmen in eine zunehmend komplexe Zukunft zu führen.

Jan 28, 2026

50 Jahre PRONATEC
«Entscheidungen treffen, auch wenn vieles unsicher ist»

David, wenn du auf die Anfänge von PRONATEC zurückblickst: Was hat den frühen Pioniergeist geprägt?
David:

Am Anfang stand die Vision meines Vaters Albert Yersin, eines leidenschaftlichen Maschineningenieurs. Er strebte danach, einen positiven gesellschaftlichen Beitrag zu leisten. Ursprünglich verfolgte er die Idee, Produktionsmaschinen für Vollrohrzucker zu entwickeln. Da hierfür kein Markt vorhanden war, entschied er sich, den Zucker selbst zu vermarkten. Mit SUCANAT, dem ersten zahnschonenden Vollrohrzucker, setzte er diese Idee um. Bereits zuvor beschäftigte er sich mit Themen wie Solartechnik oder Energierückgewinnung – zu einer Zeit, als diese kaum diskutiert wurden.

Als ich später ins Unternehmen einstieg, wollte ich nicht unbedingt die Welt verändern. Mein Fokus lag darauf, dass wir wirtschaftlich vorankommen. Im entstehenden Bio Sektor sah ich eine echte Chance. Mit der wachsenden Nachfrage sind wir schrittweise in eine Pionierrolle hineingewachsen. Rückblickend waren es immer wieder Entscheidungen unter Unsicherheit, die den Weg bestimmt haben, weil wir daran glaubten, das Richtige zu tun.

Heute – David Yersin im Interview

Damals – Albert Yersin in seinem Büro

Inwiefern ist dieser Grundgedanke auch heute noch relevant?
David:

Im Kern hat sich daran nichts verändert. Für uns sind langfristige, verlässliche Partnerschaften nach wie vor zentral – sowohl mit den Kleinbauern-Kooperativen in den Ursprungsländern als auch auf Kundenseite. Natürlich ist das Unternehmen gewachsen, und wir sind heute deutlich professioneller aufgestellt als früher. In den Anfangsjahren waren wir zu dritt und haben praktisch alles von der Buchhaltung bis zum Lager selbst gemacht, oft unter improvisierten Bedingungen. Heute sind die Strukturen viel geregelter. Geblieben ist der Anspruch, nicht stehen zu bleiben, sondern Dinge laufend zu hinterfragen und weiterzuentwickeln.

Gab es Momente, in denen klar war: Jetzt stellen wir die Weichen für die Zukunft?
David:

Ja, mehrere. Ein wichtiger Meilenstein war die Einführung des weltweit ersten Bio zertifizierten Zuckers aus Paraguay. Damals wurden verarbeitete Bio Produkte noch mit konventionellem Zucker hergestellt. Als unser Bio Zucker auf den Markt kam, war dieser stark gefragt, nach und nach begannen auch andere Zuckerproduzenten auf Bio zu setzen. Ähnlich war es bei der Einführung der ersten Bio Fairtrade Schokolade. Die Skepsis war gross, viele meinten, das würde niemand kaufen. Nach der Lancierung war die Nachfrage jedoch so gross, dass wir kaum hinterherkamen.

Die wohl wichtigste Entscheidung war die für eine eigene Produktion zur Herstellung von Bio Kakao-Halbfabrikaten. Das war mit erheblichen Risiken verbunden, finanziell wie strategisch. Lange Zeit wussten wir nicht, ob die Finanzierung überhaupt gesichert werden kann. Es war ein Wechselbad der Gefühle. Als die Finanzierung schliesslich stand, mussten wir uns entscheiden und den Sprung wagen. Für mich war klar, dass wir uns nur durch diesen Schritt erfolgreich im Markt für Kakaohalbfabrikate positionieren und weiteres Wachstum ermöglichen konnten.

SUCANAT – der erste Vollrohrzucker

CHOCANAT – die erste Bio und Fairtrade zertifizierte Schokolade

Seit 2022 erfolgreich in Betrieb – die eigene Produktion ausschliesslich für Bio Kakao

Die Kakaokrise 2024 hat viele Unternehmen in der Branche stark gefordert. Woher nimmst du in solchen Phasen Orientierung?
David:

Schwierige Phasen gehören dazu, sie prägen die Unternehmensgeschichte, aber diese Krise war besonders herausfordernd. In solchen Situationen ist Ruhe wichtig – auch, weil sich Unsicherheit direkt auf die Mitarbeitenden überträgt. Heute hilft mir sehr, dass die Verantwortung auf mehrere Schultern verteilt ist und wir Lösungen gemeinsam erarbeiten.

Grundsätzlich belastet mich finanzieller Druck weniger als zwischenmenschliche Themen: Konflikte im Team beschäftigen mich stärker als Zahlen. Gleichzeitig brauche ich Dynamik. Wenn es längere Zeit ruhig läuft, suche ich bewusst neue Themen und bin offen für unbekannte Aufgaben. Ein Beispiel dafür war die Möglichkeit, 2005 bei einem neuen Vanilleprojekt in Madagaskar mitzumachen – daraus hat sich unser madegassisches Partnerunternehmen PREMIUM SPICES entwickelt.

Simon, du vertrittst heute die dritte Generation bei PRONATEC. Wie erlebst du diese Verantwortung?
Simon:

Die Verantwortung ist gross, aber ich gehe sie mit Ruhe an – sicher auch geprägt durch David. Meinen ersten Nebenjob hatte ich im Lager, danach bin ich mit unterschiedlichen Aufgaben von einer Abteilung in die nächste gewechselt. Nach fast 14 Jahren im Unternehmen kenne ich die Abläufe, die Menschen und die Herausforderungen gut.

Heute wird Verantwortung bei PRONATEC nicht mehr zentral getragen, sondern verteilt. Gerade in Bereichen wie Kakao, Produktion oder Regulierung arbeiten wir eng im Team zusammen. Diese Zusammenarbeit hilft, komplexe Situationen effizient anzugehen.

Was mich täglich motiviert, ist die Vielfalt der Themen: unterschiedliche Produkte, internationale Märkte und die Dynamik im Kakaobereich. Diese Kombination macht die Arbeit anspruchsvoll. Genau das reizt mich.

Leitung Abteilung Kakao

Blick nach vorn – Simon Yersin im Interview

Blick zurück – Simon Yersin besucht 2015 unsere Partner in Madagaskar

Die Bio und Fair Trade Branche verändert sich stetig. Wo siehst du die grössten Herausforderungen?
Simon:

Im Bio Bereich nehmen die regulatorischen Anforderungen deutlich zu. Themen wie Rückverfolgbarkeit oder Kreuzkontaminationen werden immer anspruchsvoller. Die Kleinproduzentinnen und Kleinproduzenten dürfen damit nicht allein gelassen werden – ohne professionelle Unterstützung ist der administrative Aufwand kaum zu bewältigen.

Im Fair Trade Bereich ist entscheidend, dass der soziale Gedanke tatsächlich gelebt wird und nicht nur als Verkaufsargument dient. Zudem nimmt die Anzahl an Labels und Zertifizierungen weiter zu. Diese Komplexität in den Ursprungsländern umzusetzen, ist bereits heute anspruchsvoll und wird weiter zunehmen.

Welche Rolle spielt dabei die Wertschöpfung und die eigene Produktion mit Blick nach vorn?
Simon:

Dass wir zentrale Schritte selbst abdecken, ist für uns ein wichtiger Ansatz: Alles, was wir entlang der gesamten Wertschöpfungskette selbst machen, können wir besser steuern und kontrollieren. Gerade in einem Umfeld mit hohen Zertifizierungsanforderungen ist das ein klarer Vorteil.

Im Kakaobereich bleibt Diversifikation entscheidend. Die Kakaokrise hat gezeigt, wie verletzlich einzelne Ursprungsländer sind. Zugleich steigen die Anforderungen an Qualität und Produktsicherheit. Darauf wollen wir vorbereitet sein – mit breiten Partnerschaften und einer bewussten geografischen Diversifikation bei unseren Lieferanten.

Eine persönliche Frage zum Abschluss: Was macht euch stolz, wenn ihr heute auf PRONATEC blickt?
David:

Ich freue mich und bin stolz, zu sehen, wie sich das Unternehmen entwickelt hat: von drei Personen zu dem, was es heute ist. Und dass wir mittlerweile einen grossen Teil der Wertschöpfungskette selbst abdecken und dafür Verantwortung tragen. Wenn wir auf unsere Partnerunternehmen in den Ursprungsländern schauen – auf die Tausenden von Kleinbauernfamilien zum Beispiel –, dann ist unser Social Impact enorm.

Simon:

Mich beeindruckt vor allem die Produktion: die Technik, die Anlagen und die Prozesse. Und wenn man in den Ursprungsländern sieht, wie viele Menschen daran beteiligt sind, wird einem die Verantwortung dahinter bewusst.

Lieber David, lieber Simon, vielen Dank für das spannende Gespräch!

PS: Einen Überblick über die wichtigsten Meilensteine gibt es im News-Beitrag zu 40 Jahren PRONATEC, und ein Gespräch über die Unternehmensgeschichte findet sich im Interview mit David Yersin zu 45 Jahren PRONATEC.

25-Jahr-Jubiläumsfeier der PRONATEC Tochtergesellschaft YACAO in der Dominikanischen Republik

Ausgereifte Technik in den Hallen der PRONATEC Production in Beringen, Schaffhausen